Hufrehe ganz im Detail: Fallbeispiel  Ardennerstute "Flori"


Fallbeispiel Flori

In der Beilage möchten wir Ihnen den Original-Text der Besitzerin von "Flory" -  bei welcher die Not und Aengste deutlich zum Ausdruck kommen - nicht vorenthalten.
Etwas emotionsloser sprich sachlicher - jedoch keinesfalls ohne Herz - dafür jederzeit souverän über der Sache stehend - unser Tierarzt. Ihn bringt so schnell nichts aus der Ruhe - sonst wäre er für diese recht heikle Rettungsaktion sicherlich nicht zu haben gewesen! Auch hier stellen wir seinen Original-Bericht ungekürzt ins Netz.
Ganz am Schluss werden wir dann noch persönlich zu diesem doch nicht alltäglichen und doch mit hohem Risiko behafteten Fall Stellung nehmen.

Hier der Bericht von Karin Oswald:

Florys Erkrankung an Hufrehe

In der Folge möchte ich mit Ihnen meine Erfahrungen mit der Hufreheerkrankung meiner Ardenner-Kaltblutstute Flory (Jahrgang 2000) teilen.
Flory war zu dem Zeitpunkt tragend, ich hatte sie am 23. Mai 2008 von einem Ardenner-Hengst decken lassen. Am 10. Juni und am 02. Juli 2008 hat mir der Tierarzt nach Ultraschall ein Fohlen resp. die erfolgreiche Befruchtung des Ei's bestätigt.

Am 29. August 2008, an einen Wettkampf, bei dem wir unsere Pferde über Nacht eingestallt liessen, erkrankte Flory vermutlich futterbedingt an einer schweren Kolik. Sie wurde bald darauf ans Tierspital überwiesen und dort operiert. Die Kolikoperation überstanden sie und ihr Fohlen zum Glück gut, doch leider bildete sich in der Folge eine Hufrehe als Komplikation aus. Giftstoffe (Toxine), die durch die Kolik im Darm und durch die Rückenlage unter Vollnarkose in der Muskulatur entstehen, führen leider immer wieder zu einer solchen Komplikation.
Die Hufeisen wurden abgenommen und Gipskeile an den Hufen angebracht um den hinteren Teil höher zu stellen.
Nach ca. 3 Wochen wurde Flory nach Hause entlassen, die Verbände sollten belassen werden, und strikte Boxenruhe und Schmerzmittel wurden verschrieben

Fallbeispiel Flori 1
Fallbeispiel Flori 2

Fallbeispiel Flori 3
Keine grossen Veränderungen am Huf
Datum: 06.10.2008

Flory nahm ziemlich zusehends an Gewicht ab und litt an starken Schmerzen. Sie konnte praktisch nicht laufen. Von meinem Haustierarzt erhielt ich Schmerzmittel und die Empfehlung die Gipskeile und Verbände so zu lassen. Die Nebenwirkungen der Schmerzmittel auf Stute und Fohlen machten mir Sorgen.
Als Futter erhielt Flory nur noch Heu und Stroh gemäss den Weisungen des Tierspital.

Durch Empfehlung erhielt ich die Telefonnummer vom Barhuf-Team Linda und Ruedi Bönzli in Bösingen. Auf ihre telefonische Empfehlung hin entfernte ich als erstes die Verbände und die Gipskeile. Die Idee dahinter ist, der Sohle den Druck durch die Keile zu nehmen und die Durchblutung zu verbessern. Dadurch verringert man auch die Temperatur, die durch die Entzündung entsteht und durch die Verbände verstärkt wird. Das Wichtigste für den Anfang war immer wieder Kühlen, mit Wasser und zusätzlich mit Kühlbeuteln um die Hufkronen und Hufwände.

Desweiteren wurde mir empfohlen, Flory freien Auslauf auf unterschiedlichem Geläuf zu gewähren, sie solle selber entscheiden, wie viel und worauf sie sich bewegen möchte. Sie bekam einen separaten Auslauf mit Gummimatten, als Einstreu Stohpellets.
Nach einem Besuch von Linda und Ruedi wurde klar, dass Flory an einer ziemlich schweren Hufrehe leidet. Sie haben die Hufe nach ihrer Methode bearbeitet, deren zentrales Element das regelmässige Kürzen der Zehe ist.

Nach einem Ausbruch aus Ihrer Box vergriff sich Flory an Karotten, und von meinem Tierarzt erhielt ich wieder Schmerzmittel. Flory stand jetzt jedoch praktisch gar nicht mehr auf.


Fallbeispiel Flori 4
Fallbeispiel Flori 5

Ständiges Liegen,  Ablösen des Strahls und Aufwölbung der Sohle
Datum: 22.10.2008

Fallbeispiel Flori 6

Flory in der Boxe in Fribourg, Datum: 29.11.2008

Ich telefonierte natürlich wieder mit Linda und sie hat mir angeboten, Flory zu sich nach Hause zu nehmen und dort zu behandeln. Nach einigem zögern entschied ich mich für die lange Fahrt im November 2008 nach Bösingen. Flory bekam für den Anfang eine Boxe mit zwei neuen Nachbarn, zwei Zebras.
Linda Bönzli hielt mich stets über die Behandlung auf dem Laufenden.

 
Das Barhuf-Team probierte verschiedene Einstreuarten und Hufschutz, bis eine optimale Lösung gefunden war. Sie erhielt aufgrund ihrer Kolikanfälligkeit und der Trächtigkeit keine Medikamente, einzige „Behandlungen" waren die regelmässige Hufbearbeitung, eine intensive Akupunkturbegleitung und ein homöopathisches Mittel. Flory machte zusehends Fortschritte, das Liegen wurde immer weniger, und Laufen war wieder angesagt.
Zu Beginn der Behandlung wurden Röntgenbilder angefertigt, die zu einem späteren Zeitpunkt als Kontrolle wiederholt wurden, auf denen der eindrückliche und eigentlich schnelle Heilungsverlauf ersichtlich ist.

Zu einem späteren Zeitpunkt wurde die Trächtigkeit ungefähr 3 Monate vor dem Abfohlen mittels Ultraschall kontrolliert. Diese ergab eine normale Trächtigkeit.
Flory war mittlerweile nur noch Haut und Knochen, ohne Zusatzfutter und hauptsächlich sehr rauem Heu und Stroh konnte sie auch nicht zunehmen, da sie ja die Nährstoffe und die Energie noch für Ihr Fohlen brauchte. Gleichzetig zwang die durchgemachte Hufrehe jedoch ein strenges Diätprotokoll auf.


Fallbeispiel Flori 7
Fallbeispiel Flori 8

Flory wieder ohne Kleber und mit sichtlich wachsendem Bauch, Datum: 11.01.2009

Am 04. Mai 2009 bekam Flory ihr Fohlen, welches putzmunter zur Welt kam. Im Vorfeld wurde Flory mit langsam mit energiereicherem Futter (eingeweichte Maiswürfeln und Zuckerrübenpellets,) angewöhnt und versorgt. Nach dem Abfohlen wurde die Futter menge weiter erhöht, um den Ansprüchen der Milchproduktion gerecht zu werden, Flory musste schliesslich für zwei fressen. Der Bewegungsdrang wurde immer besser, Flory trabte bereits wieder umher und die kleine Arina kerngesund hinterher.

Fallbeispiel Flori-Arina 1
Fallbeispiel Flori-Arina 2

Arina am Tag ihrer Geburt, Datum: 04.05.2009

Fallbeispiel Flori-Arina 3
Arina, Datum: 18.05.2009

Am 18. Juli 2009 holte ich dann Flory und Arina in Bösingen ab und nahm sie wieder zu mir nach Hause. Gemäss einer strengen Anleitung betreffend Fütterung, Haltung und Bewegung übernahm ich die Verantwortung für die Nachversorgung. Ich machte den ganzen Sommer durch Spaziergänge mit den beiden, das Laufen ging prima und man merkte schon fast nichts mehr von der Hufreheerkrankung.
Die weisse Linie wurde deutlich schmaler. Linda und Ruedi Bönzli kamen ca. alle 8 Wochen für die Hufpfege.

Die vor Florys Abreise angefertigten Röntgen zeigten eindrücklich den Fortschritt in der Hufkonformnation, dass sich das Hufbein wieder der normalen Lage angenähert hatte und der gesamte Huf in Heilung befand.

Mit der Zeit habe ich begonnen, Flory wieder etwas zu reiten und später dann auch zu fahren. Dies alles ohne Hufeisen! Natürlich ohne gross zu traben, es klappte wunderbar.
Mitte Januar 2010 habe ich mich entschlossen, Flory wieder zu beschlagen um die Intensität des Trainings erhöhen zu können. Gleich zwei Hufschmiede wollten sich vom Aussehen von Florys Hufen überzeugen lassen. Keine Anzeichen von irgendeiner Erkrankung war der Kommentar. Skeptisch wurde die weisse Linie jedoch allemal betrachtet, jedoch nichts entdeckt was nicht in Ordnung sein könnte.
Sorgenfrei wurde der Beschlag durchgeführt und Flory begann sogar noch besser denn je zu laufen und hat sichtlich Freude an der Bewegung.
Die Behandlung hat voll gefruchtet und ich bin überglücklich, dass ich Bönzlis kennen gelernt habe. Ich kann die Behandlung, ihre Pflege und Fürsorge uneingeschränkt weiterempfehlen.
Dass ich mein Pferd nun wieder wie vorher reiten, fahren und füttern kann, ist für mich unglaublich! Ich hoffe, dass ich mit diesen Zeilen Einigen den Mut mache, ihr Pferd nicht aufzugeben und es hiermit zu versuchen, auch wenn es seine Zeit braucht. Es lohnt sich!

Nochmals ein ganz herzlicher Dank an:

  • Linda, Eva und Ruedi Bönzli, Bösingen FR
  • Dr. med. vet. Yann Panchaud, Detligen BE
  • Dr. med. vet. Gilles Thiébaud, St. Aubin FR

    Ich gebe auch Eure Homepage mit den besten Empfehlungen weiter.

    22. Februar 2010, Karin Oswald

  • und nun der ungekürzte Bericht von Dr. med. vet. Yann Panchaud:

    Die Ardenner-Kaltblutstute „Flory" (Jahrgang 2000) wurde am 15.11.2009 wegen hochgradiger Hufrehe vorgestellt.
    Das Pferd kam zur Behandlung zum Barhuf-Team® nach Bösingen/FR und wurde von mir untersucht. Das Pferd zeigte übliche Hufrehesymtome (Trachtenfussung beidseits vorne, Rehestellung, hochgradige Lahmheit auf allen vier Gliedmassen, hochgradige Pulsation der Digitalarterien, Wendeschmerz, häufiges Abliegen). Die Untersuchung ergab zudem eine stark erhöhte Herzfrequenz (70-90/min), bei normaler Atmung, normalem Digestionsapparat mit gutem Appetit.


    Vorberichtlich hatte Flory bereits die zweite Laparotomie aufgrund von Koliken überstanden, einmal als Jungpferd und das zweite mal im August 2008, infolge derer sie an Hufrehe erkrankte. Erschwerend kamen ausserdem das rassebedingt hohe Körpergewicht und die Tatsache, dass Flory zum Zeitpunkt der Rehe bereits seit 3 Monaten tragend war hinzu.
    Aufgrund der Trächtigkeit, der bekannten Kolikanfälligkeit der Patientin und der erfolglosen medikamentellen Vorbehandlungen und der zum Zeitpunkt meiner Untersuchung bereits abgeklungenen ersten Akutphase wurde beschlossen, die Therapie ohne medikamentelle Schmerz- und Entzündungshemmung durchzuführen, sofern es der Allgemeinzustand der Patientin zulassen würde.
    Leitkriterien für die Einschätzung des Allgemeinbefindens waren der Appetit der Patientin, das Ausbleiben von Koliksymptomen und die Motivation, für die Futteraufnahme selbstständig mehrmals täglich aufzustehen. Die Herzfrequenz wurde regelmässig überwacht, jedoch für die Einschätzung des Allgemeinbefindens weniger stark gewichtet als die grobsinnliche Adspektion.

    Als erste Massnahmen  wurde ein geeignetes Umfeld geschaffen: Raufutter in Form von Stroh und Heu und Tränkewasser standen ad libitum auch dem liegenden Pferd zur Verfügung. Mehrmals täglich wurde die Motivation des Pferdes und der Allgemeinzustand überprüft, indem dem Pferd Heu oder kleiner Kraftfuttermengen so angeboten wurden, dass Flori aufstehen musste, um daran zu gelangen, was sie stets auch tat. Desweiteren wurde die Laufboxe so eingerichtet, dass das Pferd zwischen hartem Boden (Beton) und weicher Streu (Holzspäne, Sand) selber wählen konnte.
    Therapeutisch stand an erster Stelle die korrekte und laufende Pflege der unbeschlagen Hufe: Einkürzen der Zehe und Anbringen einer starken Zehenrichtung zum Erleichtern des Abrollens und zum Verringern der Hebelkräfte, laufende Kontrolle der Sohlen im Hinblick auf das sinkende Hufbein und die damit entstehende Sohlenwölbung und partielle Ablösung einzelner Sohlenteile, Reinigung und zeitweise Anbringen eines Schutzverbandes und im späteren Verlauf regelmässiges Ausschneiden von entstehenden Hufabszessen durch Hämatome und Debris im Bereich der weissen Linie.
    Desweiteren wurde das Pferd in kurzen Abständen mit Akupunktur behandelt (15.11.2008, 18.11.2008, 20.11.2008, 23.11.2008, 29.11.2008, 02.12.2008, 05.12.2008, 29.12.2008). Dabei wurden sowohl patientenindividuelle Punkte (shu-Punkte, Locus dolendi Behandlung) wie auch bewährte standardisierte Punkte für die Hufrehebehandlung verwendet.
    Gleichzeitig wurde dem Pferd auf Empfehlung eines Kollegen ein Komplexmittel nach homöopathischem Prinzip (Aesculus vet.comp., Herbamed AG, Untere Au, 9055 Bühler) über mehrere Wochen zweimal täglich verabreicht.
    Auf weitere Massnahmen wie z.B. eine Blutverdünnung durch Aderlass oder durch Gabe blutverdünnender Medikamente wurde mit Hinblick auf die Trächtigkeit verzichtet.

    Gleichzeitig habe ich das Pferd in der Folge in regelmässigen Abständen auf sein Allgemeinbefinden hin überprüft, Röntgenbilder (seitliche Aufnahme, Vorhand beidseits) wurden durch einen Kollegen zur besseren Hufbearbeitung und zur Verlaufkontrolle am 03.02.2009 angefertigt und am 07.07.2009 wiederholt. Die Resultate dieser Röntgenbilder sprechen für sich.


    Fallbeispiel- Röntgenbilder 1
    Fallbeispiel- Röntgenbilder 2

    Fallbeispiel- Röntgenbilder
    Fallbeispiel- Röntgenbilder

    Eine weitere spezialisierte Kollegin überprüfte zudem die Trächtigkeit mittels Ultraschall und befand alles für normal.
    Flory brachte am 04.05.2009 ein gesundes Stutfohlen zur Welt, welches sie in der Folge erfolgreich aufzog.
    Fütterung, Haltung  und Auslauf wurden kontinuierlich mit viel Vorsicht an die zusehends bessere Mobilität und die erhöhten Bedürfnisse (Trächtigkeit, Geburt, Laktation) angepasst.
    Flory war ab Juni 2009 lahmheitsfrei und wurde am 18.07.2009 zurück in die Obhut ihrer Besitzerin entlassen. Diese hielt sich in der Folge an unsere strengen Empfehlungen betreffend, Haltung, Fütterung und Aufbau des rekonvaleszenten Pferdes. Das Barhuf-Team® übernahm weiterhin die Betreuung der Hufpflege, bis sich die Besitzerin entschloss, das Pferd wieder beschlagen zu lassen, um den erhöhten Ansprüchen des Fahrsports gerecht zu werden, an dem Flori heute wieder mit viel Motivation teilnehmen darf.
    Die Behandlung von Flori hat uns nicht nur viel Freude bereitet, sondern ist auch ein gutes Beispiel für die Wirksamkeit gemeinsamer Bemühung und der abgestimmten, zielgerichteten und toleranten Zusammenarbeit zwischen Besitzer, Hufpfleger/ Hufschmied, Tierarzt und vor allem auch den Pflegern.
    Der Aufwand war finanziell und zeitlich sehr gross, der Ausgang damals ungewiss aber Floris vollständige Genesung sind Lohn genug. Es zeigte sich, dass viel Geduld nötig ist, und der Zeitraum für die Heilung einer schweren Rehe nicht in Tagen oder Wochen , sondern in Monaten resp. Jahren gemessen werden muss und dementsprechend der Besitzer klar informiert werden muss.
    Man sollte nicht vorzeitig die Flinte ins Korn werfen, zugleich scheint es mir aber auch wichtig, den ethischen Aspekt des Tierschutzes nicht ausser Acht zu lassen. Die Behandlung eines Rehepferdes braucht sicher viel Zeit, und die Besserung des Zustandes verläuft v.a. am Anfang nicht linear und u.U. schleppend. Gleichzeitig darf meines Erachtens nicht über mehrere Monate und Jahre therapiert werden, ohne dass sich eine deutliche Besserung einstellt. Flori hat bis heute keine weiteren Reheschübe gezeigt. Bei Patienten mit chronisch rezidivierenden Reheschüben, muss nicht nur die Frage nach der zugrundeliegenden Ursache (Cushing, EMS, Verfettung, Fütterungsfehler, andere metabolische Entgleisungen,  usw.) gestellt werden. Es muss auch kritischer der Sinn von Therapieversuchen hinterfragt werden, und die Lebensqualität des Patienten sollte regelmässig von verschiedenen erfahrenen Personen kritisch eingeschätzt werden. Der Besitzer sollte sich in jedem Fall von nachweislich erfahrenen Leuten helfen lassen und sich des Aufwands der Therapie und der Notwendigkeit von allfälligen Änderungen im Management (Haltung, Fütterung, Bewegung etc.) bewusst sein.

    Dr.med.vet. Yann Panchaud, Detligen im Juni 2010

    ...und 2 Jahre später..."Flory" am Zürcher Sechseläuten 2011



    ...und hier das "Beste" - bitte Video bis zum Schluss ansehen... (links das ehemalige Hufrehepferd Flory)...


     
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